Kunst der Wiederverwendung

»Schichtungen« Mary‘s Mantle Chapel in Zusammenarbeit mit Kiki Smith, Domberg Freising, Freising

Für das neu gestaltete Diözesanmuseum in Freising, eines der bedeutendsten religionsgeschichtlichen Museen, beauftragte Museumsdirektor Dr. Christoph Kürzeder gezielt Künstler. Sein Konzept bringt zeitgenössische, vor allem weibliche Perspektiven in den traditionell männlich geprägten Domberg und lässt sie mit der Sammlung historischer sakraler Kunst sprechen. So entstand in Zusammenarbeit mit der New Yorker Künstlerin Kiki Smith Mary’s Mantle Chapel, eine Votivkapelle im Außenbereich des Diözesanmuseums auf dem Domberg in Freising. Kunst und Architektur gehen Hand in Hand, bedingen sich gegenseitig. Die Kapelle ist aus einem Material gebaut, wiederverwendeten dunkel engobierten Biberschwanzziegeln. Innovativ ist die Verwendung von Biberschwanzziegel als Mauerwerk für Außenwände und Innengewölbe – dreischalig vermauert; nachhaltig die Weiterverwendung vorhandenen Materials. Ein Recyclingprojekt im besten Sinne. Das Material ist nachhaltig, einfach, handwerklich neu gefügt und damit einzigartig.

Die Ziegel bedeckten jahrzehntelang die Pfarrkirche St. Georg von Ruhpolding.

Sie haben Patina, erzählen von der Geschichte ...

... und den Möglichkeiten des Handwerks.

Unsere Vision war es, aus diesen Ziegeln eine Kapelle zu bauen.

»Mary’s Mantle Chapel« heißt das bergende, umhüllende Bauwerk, das der Schutzmantelmadonna gewidmet ist. Der Grundriss ist einfach und konsequent. 4 x 4 x 8 Meter – der Ort und der Inhalt geben die Größe der Kapelle vor, die sich aus der Geometrie entwickelt. Der Boden, die Wände, die Nischen in den Wänden und die elliptischen Gewölbe. Formen, die seit Jahrhunderten bei uns Bestand haben.

Ansicht

Schnitt B-B

Schnitt A-A

Schnitt C-C

Grundriss

Lageplan

Alles ist handwerklich aus den Biberschwanzziegeln gemauert. Die Fugen ziehen sich zurück, die Ziegel kragen leicht aus. Die so entstehende, feine Schichtung schafft eine eigenständige Atmosphäre – innen wie außen. »Die Kapelle zeugt von der Freude der Mauerer«, sagt Peter Brückner. »Idealerweise trägt ein Bauwerk die Handschrift des Handwerks«, fügt er an. »Das berührt die Menschen.«

Bei diesen Kirchenbibern handelt es sich um etwas größere und stärkere Biberschwanzziegel mit den Maßen 38 x 18 x 2 cm. Die für das Einhängen an die Dachlatten bestimmte Nase wurde für den neuen Zweck entfernt.

Drei parallel verlaufende Lagen dieser Ziegel bilden nun ein dreischaliges Mauerwerk mit einer Gesamtdicke von 57 cm. Die Biber wurden dabei mit ihrer glatten Kante nach außen gesetzt. Die schmalen Fugen aus Trasszementmörtel sowie eine ausgleichende Ziegelschicht liegen um einige Zentimeter nach innen versetzt, wodurch eine stark reliefierte Schichtung entsteht.

Das Gewölbe wurde von den Gewölbemaurern Alois Huber und Anton Gröll ...

... nur mit Schablone und ohne Schalung geschichtet.

Zwischen den gemauerten Ziegeln ist eine Schicht aus einem Gemisch von abgebrochenen Ziegelresten und Mörtel. 

Einweihung von Mary's Mantle Chapel durch Kardinal Reinhard Marx. Hier im Gespräch mit der Künstlerin Kiki Smith.

Die Gewölbe wirken wie ein begehbarer Schutzmantel. Im Inneren der Kapelle ein bergendes Gewölbe mit Nischen in den Wänden, ein Gefäß für die Kunst. Über ein elliptisches Fenster, von der Künstlerin gestaltet, kommt Sonnen- und Mondlicht in die Kapelle. Innen erfüllt Kerzenlicht den Raum. Die Sitz- und Kerzennischen sind wie die Eingangstüre aus massivem Eichenholz gefügt.

Bauende und bildende Kunst im Dialog – das sind wirklich außergewöhnliche Projekte. Für uns als Architekten war die Zusammenarbeit mit der New Yorker Künstlerin Kiki Smith ein ausgesprochen kreativer gemeinschaftlicher Prozess, der hier vor Ort und über einen Ozean und viele tausend Kilometer hinweg gelungen ist. Kunst und Architektur gehen Hand in Hand, bedingen sich gegenseitig.

Die Künstlerin Kiki Smith im Dialog ...

... mit dem Architekten Peter Brückner, dem Direktor des Diözesanmuseums Dr. Christoph Kürzeder und Michael C. Mayer von der Mayer´schen Hofkunstanstalt.

Die Kapelle wurde für den Domberg in Freising geschaffen und kann an keinem anderen Ort stehen. Sie korrespondiert mit dem Museum, der Stadt Freising, Weihenstephan und dem Lauf der Sonne und des Mondes, ist von vielen Punkten sichtbar.

Projektname
Schichtungen | Mary‘s Mantle Chapel in Zusammenarbeit mit Kiki Smith auf dem Domberg in Freising
Bauherr
Erzdiözese München und Freising, vertreten durch Direktor Dr. Christoph Kürzeder
Standort
Nordhof Diözesanmuseum Freising, Oberbayern, Bayern
Fertigstellung
2023
Mitarbeitende
Günter Horn (Projektleitung); Tobias Lippert; Barbara Weniger
Projektbeteiligte
Alois Huber – Gewölbe und Stuck GmbH; Gröll Gewölbebau GmbH & Co. KG; Mayer'sche Hofkunstanstalt, München
Fotografie
Thomas Dashuber, München; Dirk Daniel Mann, Freising; Alois Huber, Bruckmühl-Heufeld

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