»Lehm – Ziegel – Holz« Neubau Verbandsgebäude Verband für Ländliche Entwicklung Oberpfalz, Tirschenreuth
Gute Architektur hat Wurzeln und Flügel. Diese Metapher beschreibt die sensible und zugleich komplexe Dynamik zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Verwurzelung und Vision. Das neue Verbandsgebäude des Verbandes für ländliche Entwicklung in Tirschenreuth verbindet die historische Baukultur der nördlichen Oberpfalz mit aktuellen Erkenntnissen und innovativen Produkten aus Forschung und Entwicklung im Bereich energieeffizienter und nachhaltiger Baulösungen. Als Pionierprojekt für einfaches Bauen im Sinne des Gebäudetyps E setzt er neue Maßstäbe bei der Realisierung zeitgemäßer Bürogebäude. Damit die Bauwende gelingt, braucht es Mut zur Nachhaltigkeit: Mutige Industriepartner, die innovative Produkte in die Serienreife führen. Mutige Bauherren, die erstmals eine neue nachhaltige Bauweise in die Realisierung bringen. Mutige ausführende Firmen, die in der Umsetzung eines solchen Pionierprojektes neue Wege (mit)gehen. Tradition. Innovation. Schönheit. Wirtschaftlichkeit. Nachhaltigkeit.
Wie wir planen und bauen, hat direkten Einfluss auf unsere Umwelt. Wir können etwas ändern. Jeden Tag, mit jeder Entscheidung, bei jedem Projekt.
Dieser Verwaltungsneubau aus Ziegeln, Holz und Lehm setzt als gebautes Beispiel Standards und zeigt, wie nachhaltiges und energieeffizientes Bauen seriell und wirtschaftlich sowie gestalterisch überzeugend funktionieren kann. Ziel war es, eine ökologische Bauweise zu erproben, die das Nischendasein des Lehmbaus überwindet und für die breite Masse an Bauvorhaben erschwinglich umsetzbar ist. Gleichzeitig war die Investitionssumme klar definiert: Die Gesamtkosten (Kostengruppe 100-700) durften 2,5 Millionen Euro brutto nicht überschreiten.
Der hohe Grad an Vorfertigung und das sichtbar bleibende Mauerwerk erforderten bereits in der Entwurfsphase eine außergewöhnlich detaillierte Planung bis hin zu Elektroinstallationen, Ziegelformaten und Mauerwerksverbänden.
Präzise Planung der Elektroinstallationen
Nachhaltigkeit bedeutet mehr als ökologische Baustoffe und erneuerbare Energien. Entscheidend sind auch Anpassungsfähigkeit, Reparierbarkeit und sortenreine Rückbaubarkeit. Das neue Verbandsgebäude ist deshalb so konzipiert, dass es sich an zukünftige Nutzungsänderungen anpassen kann. Viele Bauteile, wie etwa die Holz-Lehm Massivdecken sind nicht nur modular vorgefertigt, sondern auch sortenrein demontierbar, reparierbar und wiederverwendbar. Der ökologische Baustoff Lehm ist sogar zu hundert Prozent und fast unbegrenzt wiederverwendbar. Dies ermöglicht einen abfallfreien Kreislauf im Bauwesen.
Die Außenwände des Gebäudes bestehen aus 49 cm starken, holzfasergefüllten Silvacor Ziegel mit hoher Dämmwirkung und überzeugen hinsichtlich der Ökobilanzierung. Mit seiner geringen Wärmeleitfähigkeit von 0,08 W/(m K) trägt der Hochlochziegel zum niedrigen Gesamtenergiebedarf des Gebäudes bei.
Für die tragenden Innenwände wurde ein Kaltziegel eingesetzt, der zu großen Teilen aus rezykliertem Ziegelschleifstaub besteht. Er wird isostatisch gepresst und anschließend ohne zusätzlichen Energieeinsatz luftgetrocknet. Durch die hohe Masse tragen die unverputzten Innenwände zu erhöhtem Schallschutz und passiver Klimaregulierung bei. Die haptische, geriffelte Oberfläche der Kaltziegel verbessert die Raumakustik und vermittelt Materialehrlichkeit.
Nichttragende Wände wurden als Trockenbauwände mit Lehmbauplatten und Lehmputz ausgeführt, um Flexibilität bei sich ändernden Nutzungsanforderungen zu gewährleisten.
Das Grundgerüst bildet eine selbstständig tragende Holzbalkendecke, die nach den Regeln des modernen Holzbaus konstruiert und präfabriziert wird. In die Holzstruktur wird Lehm mit einer Rohdichte von 2100 kg/m3 gegossen, um Brandschutz, Schallschutz und thermische Masse zu generieren. Die CO2-Bilanz der Holz-Lehm Massivdecken ist aufgrund der CO2-Bindung im Holz sogar negativ.
Im Obergeschoss wurde die Holz-Lehm-Massivdecke mit keramischen Estrichziegeln, einem natürlichen Trockenestrich, belegt.