»Waldnaabkapelle« Neubau Wegkapelle in den Waldnaabauen, Tirschenreuth
Vor 900 Jahren begannen die Zisterzienser das Stiftland nachhaltig zu prägen. Sie schufen eine Kulturlandschaft internationalen Ranges. Das Kloster und seine Wallfahrtsstätten, Kreuzwege, Wegkapellen und Stiftlandsäulen formten eine dichte Sakrallandschaft und haben Spuren in der Landschaft hinterlassen. Sakrales und Ökonomie verschwisterten sich. Der hiesige, von der Waldnaab gespeiste und das Wasser haltende Boden rief nach Teichwirtschaft und Fischzucht.
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Diese außergewöhnliche Kulturlandschaft wird bis heute genutzt, ergänzt um großflächige ökologische Maßnahmen für den Naturschutz. Von Burgund aus ließen sich die Zisterzienser im Mittelalter in ganz Europa nieder, errichteten Klöster und kultivierten Land. Diese Klosterlandschaften weisen noch heute viele Merkmale auf, die an die Prägung durch die Mönche erinnern. Auch die Klosterlandschaft im Stiftland gehört dazu.
Das Baumaterial stammt aus der direkten Umgebung: Kaolinsand vom Teichgrund – das Grundmaterial für die hier einst mächtige Porzellanindustrie – dient dem Beton als Zuschlagstoff. Er verleiht dem steinigen Fundament die strahlend helle Farbe. Das Nadelholz ragt gen Himmel: 325 Balken in quadratischem Querschnitt mit viertelmetriger Kantenlänge. Den steinernen Untergrund der Tirschenreuther Teichpfanne in den Waldnaabauen bildet in großen Teilen das Kaolin, welches von ungebundenen Nadelwäldern überzogen ist. Dieses natürliche Zusammenwachsen des Kaolingesteins von unten und den Nadelbäumen von oben wird zum Sinnbild für die architektonische und atmosphärische Gestaltung der Wegkapelle. In ihr begegnen sich beide Welten, verzahnen sich, verwachsen zu einer neuen Einheit. Nadelholz und Kaolinsand, die Materialien der unmittelbaren Umgebung, geben die Werkstoffe vor.
Die ehemaligen Bahnstrecke Wiesau-Bärnau dient heute als Radweg durch die Tirschenreuther Teichpfanne, eines der bedeutendsten Naturschutzgroßprojekte Bayerns. Seltene, geschützte Tier- und Pflanzenarten wie Schwarzstorch, Eisvogel, Moorfrosch, Sonnentau oder Arnika haben hier ihren Lebensraum. Dieser Radweg führt nicht nur zur Waldnaabkapelle sondern auch zur 20 Meter hohen Himmelsleiter und zur poetisch geschwungenen Heusterzbrücke. Ein vollendeter Dreiklang: Aufstieg – Übergang – Einkehr.
Der Faktor drei definiert die Kubatur – 3 Meter breit, 6 Meter lang und 9 Meter hoch.
Der Bau wächst aus dem Wasser. Wie aus der Erde der Baum, so wächst aus dem kaolindurchtränkten Fundament der hölzerne Himmel.
Kerzenlicht verzaubert den Raum
Auszug aus der Jurybewertung des Bayerischen Landschaftsarchitekturpreis 2024:
»Überzeugt hat die Jury wie mit einer einfachen, aber starken architektonische Geste am wohlgewählten Standort eine Balance aus Landschaft und Architektur entsteht, die sich einlässt auf die vorhandenen ästhetischen und ökologischen Qualitäten des Ortes. Ein rücksichtsvoll eingefügter, selbstgenügsamer RuheRaum in der Landschaft, der seine Gegenwärtigkeit und Energie aus dem Vorhandenen zieht – ein Moment zum Innehalten, Durchschnaufen und Nachdenken.
Konsequent auch die praktische Umsetzung im Detail, nicht nur bezüglich der Architektur, sondern auch der Umgang mit Pfaden, Wurzeln, Wasser, Boden und Schichtaufbau. Die fast asketische Reduktion der Trampelpfadmarkierung mit einfachem Granitsplitt ohne Unterbau kommuniziert Haltung und Ziel dieses Landschaftseingriffes beispielhaft: die der vorgefundenen ‚Natur’ und Landschaft innewohnende Kraft und Präsenz zu entdecken und mit einer Serie an einfachen Interventionen zu verstärken, um Möglichkeiten anzubieten, auch in Zukunft mit ihnen zu interagieren.«
Professor Dietmar Straub im Namen der Jury